Fußball-WM weckt in Deutschland eine kurze Welle des Patriotismus
Carolina SchleichFußball-WM weckt in Deutschland eine kurze Welle des Patriotismus
Deutschland und der schwierige Umgang mit nationaler Identität
In Deutschland fällt es oft schwer, nationale Stolzgefühle offen zu zeigen. Feiertage werden eher zurückhaltend begangen, und politische Führungspersönlichkeiten verwenden selten Begriffe wie „Vaterland“ oder „deutsches Volk“. Doch während großer Fußballturniere kehren Flaggen und Nationalfarben plötzlich im ganzen Land zurück.
Ein kürzlich auf Arte ausgestrahlter Dokumentarfilm untersuchte den Zusammenhang zwischen Fußballpatriotismus und politischen Strömungen. Regisseur Juri Sternburg argumentierte, dass eine „positive Parteipatriotismus“-Kultur Flaggen und Nationalismus normalisieren könne. Der Film deutete an, dass dies möglicherweise eine Rolle beim Aufstieg von Gruppen wie Pegida und der AfD gespielt habe.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mied eine solche Rhetorik konsequent. Ihr vorsichtiger Umgang spiegelte die allgemeine Skepsis gegenüber offen zur Schau gestelltem Nationalgefühl wider. Dennoch löst die Weltmeisterschaft jedes Mal eine vorübergehende Welle patriotischer Symbole aus.
Einzelhändler füllen ihre Regale mit schwarzem, rotem und goldenem Merchandise, während Fans sich auf die Spiele vorbereiten. Selbst wer – wie ich – wenig Interesse am Fußball hat, schaltet bei Spielen der Nationalmannschaft oft ein. Mein jüngster Sohn hat kürzlich das Auto mit Deutschlandflaggen geschmückt, voller Vorfreude auf das Turnier.
Die WM verändert für kurze Zeit das öffentliche Verhalten in Deutschland. Flaggen und Farben werden sichtbar, und nationaler Stolz kommt freier zum Ausdruck. Doch die grundsätzliche politische und kulturelle Zurückhaltung gegenüber Patriotismus bleibt bestehen.






