Das stille Verschwinden der Ostthüringer Zeitung und seine Folgen für Greiz
Carolina SchleichDas stille Verschwinden der Ostthüringer Zeitung und seine Folgen für Greiz
Fast 50 Jahre lang begann Oma Paluschke ihren Tag mit der Ostthüringer Zeitung (OTZ). Doch im Frühling 2023 verstummte das vertraute Rascheln des Zeitungspapiers – ihre lokale Ausgabe und zehn weitere im Umkreis von Greiz waren von heute auf morgen verschwunden. Der Verlag Funke hatte auf rein digitale Verbreitung umgestellt, was viele langjährige Leser vor Probleme stellte.
Die Umstellung kam abrupt. Funke kündigte die Einstellung der gedruckten OTZ in elf Gemeinden nur acht Wochen im Voraus an. Rund 300 treue Abonnenten, darunter Oma Paluschke, erhielten Tablets und eine kurze Einweisung, um das E-Paper nutzen zu können. Doch fast die Hälfte ihrer Bekannten sagte das Abo lieber ganz ab, statt sich umzustellen.
Ohne die OTZ griffen viele in Greiz zur einzigen verbleibenden Print-Alternative: dem Amtsblatt der Kommune. Anders als die Zeitung bot es jedoch keine unabhängige Berichterstattung oder kritische Begleitung. Andere lasen kostenlose Anzeigenblätter, von denen manche eine Tendenz zur AfD aufwiesen – eine Option, die besonders ältere Leser ansprach, die mit digitalen Geräten haderten.
Im Netz sprang teilweise die Plattform Heimatbote Vogtland in die Bresche – allerdings mit einer Besonderheit. Da sie Verbindungen zu AfD-Vertretern pflegte, verbreitete sie rechtspopulistische lokale Politik, ohne dies immer transparent zu kommunizieren. Unterdessen startete das Netzwerk Recherche das Projekt "Lückenfüller: Was passiert, wenn die Lokalseite verschwindet?" (Original: Gap Fillers: What Happens When the Local Paper Disappears?), um zu untersuchen, wie Gemeinden ohne traditionellen Journalismus zurechtkommen.
Oma Paluschke allerdings hat sich angepasst. Sie liest die OTZ nun als E-Paper und hat sich sogar ins Online-Dating gewagt. Doch ihre Erfahrung bleibt die Ausnahme – nicht die Regel.
Der plötzliche Digitalumstieg hinterließ Lücken in der Greizer Medienlandschaft. Wer am Print festhielt, stieg aus oder wandte sich einseitigen Alternativen zu, während Plattformen wie der Heimatbote Vogtland an Einfluss gewannen – oft ohne ausreichende Transparenz. Für den Funke-Verlag zeigte die Umstellung die Risiken überstürzter Veränderungen: Wenn sich doch nicht über Nacht ändern lässt, was sich über ein halbes Jahrhundert eingespielt hat.






