Verbotenes Ballett: Wie Nurejew in Russland zum Tabu wurde
Ein Ballett über das Leben Rudolf Nurejews feierte 1995 in Berlin Premiere – lange nach seiner spektakulären Flucht aus der Sowjetunion 1961. Die Produktion mit dem schlichten Titel Nurejew gelangte erst 2017 an das Moskauer Bolschoi-Theater, doch ihr Weg war alles andere als geradlinig. Heute in Russland verboten, bleibt das Ballett ein beeindruckendes Denkmal für einen Tänzer, der den klassischen Balletttanz revolutionierte und kompromisslos nach seinen eigenen Regeln lebte.
Rudolf Nurejew wurde 1938 als Sohn baschkirisch-tatarischer Eltern geboren und erhielt seine Ausbildung bei Alexander Puschkin an der renommierten Waganowa-Ballettakademie in Leningrad. Seine frühen Jahre waren von Disziplin und großem Talent geprägt, doch das starre politische und gesellschaftliche Klima der Sowjetunion erstickte jede individuelle Entfaltung. 1961 nutzte er während einer Tournee in Paris die Gelegenheit, sich aus der sowjetischen Kontrolle zu befreien – auf der Suche nach künstlerischer Freiheit und dem Recht, offen als schwuler Mann zu leben.
Im Westen veränderte Nurejew den klassischen Balletttanz grundlegend, indem er für männliche Tänzer gleiche Anerkennung einforderte. Seine legendäre Partnerschaft mit Margot Fonteyn am Royal Ballet wurde zur Ikone, und später, als Direktor des Balletts der Pariser Oper von 1983 bis 1989, sprengte er weitere Grenzen. Sein Nachlass, der 1995 nach seinem Tod an den Folgen von Aids versteigert wurde, offenbarten ein Leben in üppigem Luxus: männliche Akte von Alten Meistern, Thonet-Stühle, Sofas von Maria Callas und sogar seine eigene italienische Insel.
Das Ballett Nurejew, choreografiert von Juri Possochow – einem in der ukrainischen Stadt Luhansk geborenen US-Bürger – und inszeniert von Kirill Serebrennikow, erlebte 1995 in Berlin seine Uraufführung. Erst 2017 kam es ans Bolschoi-Theater, doch Serebrennikow konnte aufgrund von Untreuevorwürfen, die später zu einer Verurteilung führten, nicht anwesend sein. Der erste Akt der Produktion besticht durch seine Energie und zeichnet Nurejews Aufstieg von Leningrad zum weltweiten Ruhm nach, doch der zweite Akt vermag die gleiche Dynamik nicht durchgehend zu halten – trotz kraftvoller Solodarbietungen und mitreißender Ensembleszenen.
2023 verbot die russische Regierung das Ballett im Rahmen von Gesetzen, die die "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen" unter Strafe stellen. Damit wurde ein Werk zum Schweigen gebracht, das einst zum Repertoire des Bolschoi gehört hatte – während Possochow weiterhin an anderen Produktionen des Hauses mitwirkte.
Das Verbot von Nurejew im Jahr 2023 markiert ein weiteres Kapitel im widersprüchlichen Erbe eines Tänzers, der alle Konventionen sprengte. Das Ballett selbst, erfüllt von Symbolen seines exzentrischen Lebens und künstlerischen Aufbegehrens, steht heute zugleich als Feier und als Opfer der sich wandelnden russischen Kulturpolitik. Doch Nurejews Einfluss auf den Balletttanz – und sein kompromissloses Streben nach Freiheit – bleibt ungebrochen.






